Bock auf Architektur: Tiroler Steinbockzentrum

Ulf Meyer
2. 4月 2021
Foto © Lukas Schaller

Rainer Köberl und Daniela Kröss haben ein markantes Museum in St. Leonhard im Pitztal gestaltet. Die Ausstellungsräume sind in dem turmartigen Bau am Hang aufeinander gestapelt.

Eigentlich ist in den Bergen Tirols der Tourismus allgegenwärtig. Doch im hinteren Pitztal haben sich einige Dörfer ihre bergbäuerliche Prägung bewahren können. Und dies soll auch unbedingt so bleiben – aber mehr Gäste wären dennoch gern gesehen. Eine dieser Gemeinden ist St. Leonhard. Dort haben die Architekten Rainer Köberl und Daniela Kröss aus Innsbruck ein Museum gebaut, das die Geschichte der Ausrottung und Wiederansiedelung des Alpensteinbocks erzählt. Ein Gehege mit sieben Tieren ergänzt die Ausstellung. 

Vom Dorf aus ist der Neubau gut zu sehen. (Foto © Lukas Schaller)

Das rötliche Gebäude an einem bewaldeten Berghang erinnert typologisch an einen Burgturm und mit seiner Farbe und Materialität entfernt auch an die Architektur des Schweizers Valerio Olgiati. Neben einem der ältesten Höfe im Tal gelegen, übernimmt das Haus den kleinen Fußabdruck des Stadels, der vormals neben dem Hof stand. In den unteren Bereichen der Fassade aus Betonfertigteilen zeichnen sich deutlich die Spuren der rauen Schalbretter ab. Dies weckt Erinnerungen an die Holzkonstruktion des Vorgängerbaus. Die Bauherrin, die Gemeinde St. Leonhard, hat in das Museum EUR 3,7 Millionen investiert. 

Im obersten Stock verbindet eine rote Stahlbrücke die Ausstellung mit dem eingangs erwähnten Gehege. Der Turm als Landmarke ist vom im Tal liegenden Dorf aus gut sichtbar. Der Wandaufbau ist zweischalig und besteht aus einer Ortbetonwand innen mit vorgehängten Fertigteilen außen und einer Wärmedämmung dazwischen. Die Fensterrahmen und die charakteristische Brücke sind in Stahl konstruiert und mit roter Farbe pulverbeschichtet – letzteres ist wie auch die ungewöhnliche Farbigkeit des Betons ein gestalterischer Entscheid, der anfangs nicht unumstritten war. Die Böden im Inneren wurden in rotgrauem Terrazzo ausgeführt, die Stiegen sind aus Eiche. Das Museumsrestaurant hat eine schöne Täfelung aus regionalem Zirbenholz. Es befindet sich in der untersten Ebene, die in den Hang gegraben ist.

Das Museum hat einen kleinen Fußabdruck und eine turmartige Form. (Foto © Lukas Schaller)
Eine rote Stahlbrücke führt vom Museum zum Gehege der Steinböcke. (Foto © Lukas Schaller)
Die Betonfassade ist mehrfach gegliedert. Mitunter sind die Spuren der Schalbretter deutlich erkennbar. (Foto © Lukas Schaller)

Die Forderung, alle Teile der Ausstellung hätten an einem barrierefreien Weg zu liegen, führte neben der Übernahme des kleinen Fußabdrucks des Stadels zur vertikalen Konfiguration des Museums: Die Besucher*innen durchlaufen die Ausstellung vom untersten in den obersten Stock und gelangen von dort über die Brücke ins Gelände. So erklimmt man den Berg, um hernach die Steinböcke zu erleben. Das Ausstellungsdesign drinnen stammt vom himmel. Studio für Design und Kommunikation aus Innsbruck. 

Mit dem Steinbockzentrum verknüpfen sich in der strukturschwachen Region Hoffnungen auf mehr Tourist*innen. Auch ist das Projekt ein Meilenstein für den Naturparkverein Kaunergrat, dem die Gemeinde St. Leonhard angehört. Überhaupt setzen die Tiroler Naturparkgemeinden auf gutes Bauen, um Gäste anzuziehen: Zum Beispiel Längenfeld im benachbarten Ötztal, wo 2019 das skulpturale Naturpark Haus von Hanno Schlögl (1944–2020) eröffnet wurde – das letzte und zugleich vielleicht beeindruckendste Bauwerk des herausragenden Tiroler Architekten.

Das Ausstellungsdesign stammt vom Innsbrucker himmel. Studio für Design und Kommunikation. (Foto © Lukas Schaller)
Situation
Schnitt

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